Der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel und Objektschutz

 

Über den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln in einer Anlage darf nicht ohne eine Überwachung des Auftretens der Marmorierten Baumwanze entschieden werden. Der gezielte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist nur bei aktivem Befall in der Anlage gerechtfertigt, da nur in diesem Fall eine gute Wirksamkeit der Behandlung zu erwarten ist. Eine gezielte Behandlung mit chemischen Pflanzenschutzmitteln bei Präsenz der Adulten oder bei sporadischem Befall ist nicht immer sinnvoll! Die verfügbaren Mittel wirken nur kurze Zeit. Eine Neubesiedelung nach Abbau des Wirkstoffes von außen ist möglich. Randreihen, die unter Umständen ständig wiederholt von außen (von Wildwirten ausgehend) beflogen werden, an denen es in Folge zu einer Häufung der Fruchtschäden über die Zeit kommen kann, sind durch Behandlungen schwer zu “schützen”.

Dagegen ist es im Falle von Behandlungen eines aktiven Befalls, (H. halys vermehrt sich in der Anlage) so, dass die aktuell verfügbaren Präparate die höchste Wirksamkeit erzielen, da die Präparate hauptsächlich auf Entwicklungsstadien und in geringerer Weise auf Adulte wirken.

Fragen:

1. Wie stellt man die Präsenz oder einen aktiven Befall in der Obstanlage durch die Marmorierte Baumwanze fest?

2. Findet man H. halys an einzelnen Bäumen, soll die ganze Anlage behandelt werden?

3. Wie könnte man die Aussagekraft von visuellen Kontrollen über das Auftreten in einzelnen Anlagen verbessern? 

4. Wann sind chemische Behandlungen angesagt und sinnvoll?

5. Wie wirken die aktuell verfügbaren Mittel gegen die Marmorierte Baumwanze? Wie sind sie einzusetzen?

6. Kann ein Objektschutz mittels Hagelnetze helfen, mögliche Schäden abzuwenden?                 

7. Wie soll man reagieren, wenn ein Fruchtbefall in der Zeit der Vorernte beobachtet wird?

 1. Wie stellt man die Präsenz oder einen aktiven Befall in der Obstanlage durch die Marmorierte Baumwanze fest?


Eine Präsenz oder ein Aktivbefall durch H. halys wird am besten durch regelmäßige Kontrollen in der Anlage festgestellt. Adulttiere der Marmorierten Baumwanze können aus angrenzenden Arealen mit bereits befallenen Wirtspflanzen (wie z.B. Hecken, Gemüsegärten, öffentliches Grün) in die Apfelanlagen einfliegen und Früchte oder Triebe anstechen. Adulte sind sehr mobil und fliegen von den Anlagen auch wieder in diese Areale zurück. Einfliegende Adulte sieht man am besten, wenn man mit der Hebebühne die Gipfel der Apfelbäume visuell kontrolliert. Eine weitere Möglichkeit bietet die sogenannte Klopfmethode:  dabei werden eine bestimmte Anzahl an Ästen in den frühen Morgenstunden abgeklopft und mit einem Klopfschirm die fallenden Wanzen aufgefangen. Findet man bei den visuellen Kontrollen oder Klopfproben auch Nymphen (Jungtiere) und Eigelege der Marmorierten Baumwanze, kann der Schaden (Link Topic VI) nicht nur durch die einfliegenden Adulten, sondern auch durch die sich in der Anlage entwickelnden Jungtiere (Nymphen) entstehen. In diesem Fall hat man es mit einem Aktiv-Befall zu tun. Der Schaden an Äpfeln ist nicht sofort von außen erkennbar; die Früchte müssen entnommen und angeschnitten werden. Der Schaden wird erst nachträglich erkannt. Zudem gibt es Möglichkeiten der Verwechslung mit anderen Schäden (wie z.B. Stippe), und auch heimische Wanzen können dasselbe Schadbild verursachen; hier gibt es Überlegungen entsprechende Methoden zu entwickeln, um Einstiche der Baumwanze mit Sicherheit methodisch bestimmen zu können.

 

2. Findet man H. halys an einzelnen Bäumen, soll die ganze Anlage behandelt werden? 


Nein, aber es ist in der gesamten Anlage zu kontrollieren, ob ein aktiver Befall (Nymphen) vorliegt und erst dann ist eine Entscheidung zu treffen. Zunächst sollte ermittelt werden in welchem Bereich der Anlage das höchste Risiko eines Einfluges besteht. Man sollte zuerst vor allem Apfelbäume kontrollieren (visuell und/oder durch Klopfproben), die in der Nähe zu anderen Wirtspflanzen stehen. Bei geringen Dichten ist bei diesen Bäumen die Wahrscheinlichkeit einer Sichtung am größten. Ausgehend von diesen „Risikobereichen“, sollten zusätzlich weitere Kontrollen zufällig in der ganzen Anlage durchgeführt werden. Falls die Sichtungen von Jungtieren nicht nur im Risikobereich sondern. auch in der Anlagenmitte stattfinden, ist ein aktiver Befall auf der gesamten Fläche im Gange und eine chemische Behandlung in der ganzen Anlage gerechtfertigt. Findet man Jungtiere nur in der Risikozone, angrenzend zu anderen Wirtspflanzen, kann man bei größeren Anlagen andenken, nur die betreffende Risikozone zu behandeln. Derzeit wird am Versuchszentrum Laimburg (in einer Granny- Versuchsanlage) untersucht, ob die Ermittlung von Eingreifschwellen für das Timing der Behandlungen ein möglicher Ansatz in der Bekämpfung von H. halys ist.

 

3. Wie könnte man die Aussagekraft von visuellen Kontrollen über das Auftreten in einzelnen Anlagen verbessern? 

Gäbe es die Möglichkeit viele Einzelbeobachtungen aus Obstanlagen gebietsweise zentral zu erfassen, so könnten erste Informationen über das Verhalten des Schädlings unter Südtiroler Praxisbedingungen erarbeitet werden, um unter anderem daraus Informationen für zeitgerechte Behandlungen abzuleiten. Das Versuchszentrum Laimburg hat in einer Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Beratungsring für Obst und Weinbau, die Landwirte über die Medien aufgefordert, die Sichtungen der Baumwanzen direkt dem Versuchszentrum Laimburg zeitnah vorerst über E-Mail an das Institut für Pflanzengesundheit zu melden (Institut.Pflanzengesundheit@laimburg.it). In Zukunft ist angedacht diese Meldungen digital über eine für den Landwirt benutzerfreundliche APP einzuholen, vorerst als Pilotprojekt in ausgewählten Gebieten. Dieses Verfahren könnte z.B. wichtige Hinweise liefern ab welchem Zeitpunkt eine Besiedelung der Anlage stattfindet.

 

4. Wann sind chemische Behandlungen angesagt und sinnvoll?

Wenn Gelege oder Nymphen, bei gleichzeitigem Vorhandensein von Früchten, in der gesamten Anlage anzutreffen sind, ist eine chemische Behandlung der ganzen Anlage angemessen. Auf einen bereits bestehenden Fruchtschaden nachzubehandeln ist sinnlos, wenn keine Individuen der Marmorierten Baumwanze in der Anlage beobachtet werden. Falls nur Adulte gesichtet werden, ist die Wirksamkeit einer Behandlung abzuwägen, weitere Beobachtungen sind notwendig. Die für eine chemische Bekämpfung zur Verfügung stehenden Präparate, zeigten in Laborversuchen und in Freilandsuntersuchungen aus anderen Regionen (Friaul, Piemont und Emilia Romagna), nur eine „Kontaktwirkung“ und keine bzw. nur sehr geringe residuale Wirkung. Dies bedeutet, dass die Wanze direkt von der Spritzbrühe getroffen werden muss, um getötet zu werden. Falls es sich in der Apfelanlage um Adulte handelt, die von anderen Wirtspflanzen einfliegen und dann wieder wegfliegen, ist die Wirksamkeit einer chemischen Behandlung nur sehr gering zu bewerten. Jungtiere können hingegen nicht wegfliegen und sind zudem auch noch empfindlicher gegenüber den chemischen Wirkstoffen.

 

5. Wie wirken die aktuell verfügbaren Mittel gegen die Marmorierte Baumwanze? Wie sind sie einzusetzen?

Die verfügbaren Mittel wirken für eine begrenzte Zeit gut auf Nymphen, weniger gut auf Adulte- vorausgesetzt, dass sie diese Stadien auch direkt treffen (direkter Kontakt)- und nicht auf Eigelege (Erfahrungen aus Mittelprüfung). Von den meisten im Programm zugelassenen Produkten, ist nur eine unmittelbare, aber keine Dauerwirkung zu erwarten; sie helfen kaum einen wiederholten sporadischen Befall, der von Wildpflanzen ausgeht auf Dauer zu verhindern. Herbstbehandlungen mit chemischen Pflanzenschutzmitteln in der Nachernte haben keine Wirkung in Hinblick auf eine Dichtereduzierung im kommenden Jahr. H. halys ist auf jedem Fall im Frühling nach der Auswinterung reduziert, da die Wintermortalität eine große Rolle spielt. Dies ist bereits durch aktuelle Versuche belegt; weiter Versuche zur Überwinterungsmortalität sind im Laufen.

 

6. Kann ein Objektschutz mittels Hagelnetze helfen, mögliche Schäden abzuwenden?      

Ja, das Schutznetz muss jedoch bis zum Boden reichen. Auch die Kopfreihen müssen mit Netz seitlich abgeschlossen werden. In diesem Fall kann man das Einfliegen von Adulten verhindern. Man muss jedoch beachten, dass bei hohem Populationsdruck (wie z. B. im Friaul) die Adulte durch jede Öffnung eindringen können. Die chemischen Behandlungen unter eingeschlossenem „Käfignetz“ sind wirksamer, da die ausgewachsenen Tiere nicht wegfliegen können und neue nur bedingt einfliegen können. In Risikobereichen und in Anlagen angrenzend zu Wildwirtspflanzen sollte jedoch ein dichteres Insektenschutznetz seitlich angebracht werden, um auch das Eindringen von Jungtieren zu unterbinden, welche durch die Maschenweite des Hagelschutznetz nicht aufgehalten werden.  

 

7. Wie soll man reagieren, wenn ein Fruchtbefall in der Zeit der Vorernte beobachtet wird?

Auf einen bereits bestehenden Fruchtschaden nachzubehandeln ist sinnlos, wenn keine Individuen der marmorierten Baumwanze in der Anlage beobachtet werden.  Es ist in der gesamten Anlage zu kontrollieren, ob ein aktiver Befall (Nymphen oder Eigelege) vorliegt und dann erst ist eine Entscheidung zu treffen.