Internationales Jahr der Bäuerin: Forschung & Praxis gestalten gemeinsam die Landwirtschaft von morgen
Sie arbeiten am Hof, führen Betriebe, managen Familien und gestalten den ländlichen Raum: Frauen spielen in der Landwirtschaft eine zentrale Rolle. Um ihre Leistungen sichtbarer zu machen und den Austausch über die Landwirtschaft von morgen zu stärken, haben das Versuchszentrum Laimburg, die Südtiroler Bäuerinnenorganisation, der Landesbeirat für Chancengleichheit für Frauen und das Frauenmuseum Meran am 15. Oktober 2026 zu einem Fachabend von und für Frauen in den Felsenkeller eingeladen. Die Veranstaltung markierte Südtirols Höhepunkt des Internationalen Jahres der Bäuerin und Landwirtin 2026.
Frauen prägen die Landwirtschaft seit Generationen, doch ihre Leistungen bleiben oft im Hintergrund. Um ihre Rolle sichtbarer zu machen, haben die Vereinten Nationen das Jahr 2026 zum Internationalen Jahr der Bäuerin und Landwirtin erklärt. Am 15. Oktober, dem Internationalen Tag der Landfrauen, trafen sich zahlreiche Interessierte im Felsenkeller des Versuchszentrums Laimburg zum Fachabend „Forschung & Praxis im Dialog“. Im Mittelpunkt standen Themen rund um die Landwirtschaft von heute und morgen, von der Pflanzenzüchtung bis hin zur Ernährungssicherheit. Ein besonderer Programmpunkt des Abends war die Vorstellung der Sonderausgabe des „Südtiroler Landwirt“ mit dem Titel „Südtiroler Landwirtin“.
„Eine zukunftsfähige Landwirtschaft braucht das Wissen, die Erfahrung und die Innovationskraft aller Menschen, die in diesem Sektor tätig sind. Das Internationale Jahr der Bäuerin und Landwirtin zeigt, wie wertvoll der Beitrag von Frauen für unsere Betriebe, die Ernährungssicherheit und die Entwicklung des ländlichen Raums ist“, so der Landesrat für Landwirtschaft Luis Walcher.
„Auch in der Südtiroler Landwirtschaft werden sich viele der zukünftigen Herausforderungen nur mit wissenschaftlicher Neugier, praxisorientierter Forschung und technischer Innovation bewältigen lassen. Frauen sollten diese Entwicklungen nicht nur mitverfolgen, sondern sie mit ihren Erfahrungen und Perspektiven aktiv mitgestalten,“ betonte Sabine Öttl, Leiterin des Instituts für Pflanzengesundheit am Versuchszentrum Laimburg.
Auch Landesbäuerin Antonia Egger unterstrich die Bedeutung von Frauen: „Bäuerinnen leisten einen unverzichtbaren Beitrag für unsere Höfe, die Kulturlandschaft und die Versorgung mit Lebensmitteln. Das Internationale Jahr der Bäuerin bietet die Chance, ihre Leistungen sichtbar zu machen und ihre Rolle zu stärken. Dazu gehört auch, dass Bäuerinnen künftig auf allen Entscheidungsebenen gleichwertig vertreten sind, ihre Erfahrungen und Perspektiven einbringen und bei den Weichenstellungen für die Zukunft der Landwirtschaft gleichwertig mitentscheiden.“ Ulrike Oberhammer, Präsidentin des Landesbeirats für Chancengleichheit für Frauen, ergänzte: „Chancengleichheit bedeutet, Leistungen sichtbar zu machen, Mitbestimmung zu stärken und Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Frauen ermöglichen, ihr Potenzial voll zu entfalten. Gerade in der Landwirtschaft leisten Frauen einen unverzichtbaren Beitrag – als Betriebsleiterinnen, Unternehmerinnen, Familienmanagerinnen und Entscheidungsträgerinnen. Und deshalb gilt: Vom Stall bis zum Sitzungstisch gehören sie in die erste Reihe“.
Gemeinsam für mehr Teilhabe und Anerkennung
Mehr Sichtbarkeit, Vernetzung, Wissensaustausch und Chancengleichheit für Frauen in der Landwirtschaft – dafür setzt sich die im Sommer 2025 gegründete Arbeitsgruppe „Frauen in der Landwirtschaft“ ein. Sie ist beim Landesbeirat für Chancengleichheit für Frauen angesiedelt und vereint Vertreterinnen der Südtiroler Bäuerinnenorganisation, des Versuchszentrums Laimburg, des Landesbeirats für Chancengleichheit sowie des Frauenmuseums Meran. Das Internationale Jahr der Bäuerin und Landwirtin 2026 nimmt die Arbeitsgruppe zum Anlass, die Vielfalt der Lebens- und Arbeitsrealitäten in Südtirol stärker in den Fokus zu rücken, stereotype Vorstellungen aufzubrechen und das Bild von Frauen in der Landwirtschaft weiterzuentwickeln. Das Themenjahr versteht sich dabei nicht als Sammlung einzelner Initiativen, sondern als Impuls für mehr Sichtbarkeit, Wertschätzung und Teilhabe von Frauen in der Landwirtschaft.
Ernährungssicherheit und die Rolle der Bäuerin
Weltweit waren im Jahr 2025 645 Millionen Menschen von Hunger betroffen. Vor diesem Hintergrund beleuchtete Jutta Staffler, Agronomin und selbstständig tätige Sachverständige für Landwirtschaft, Natur und Landschaft, die Rolle von Frauen für die Ernährungssicherheit. Denn Ernährungssicherheit beginnt nicht erst bei der Verfügbarkeit von Lebensmitteln, sondern bei den Menschen, die sie erzeugen. Weltweit leisten Frauen einen wesentlichen Beitrag zur landwirtschaftlichen Produktion, zur Verarbeitung von Lebensmitteln sowie zur Versorgung von Familien und Gemeinschaften. Gleichzeitig sind sie mit erheblichen strukturellen Benachteiligungen konfrontiert. So schätzt eine aktuelle EAT-Lancet-Studie das geschlechtsspezifische Lohngefälle in der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft weltweit auf durchschnittlich 50 Prozent. Hinzu kommt, dass Betreuungs- und Sorgearbeit zu einer lebenslangen „Zeitbelastung“ führen. Dadurch leisten Frauen häufig Doppel- oder Dreifacharbeit, indem sie unbezahlte Familienarbeit am landwirtschaftlichen Betrieb mit der Versorgung des Haushalts und einer bezahlten Erwerbstätigkeit verbinden. Ohne ausreichende Unterstützung werden viele Frauen in informelle oder Teilzeitbeschäftigungen mit geringeren Einkommen, schwächerer sozialer Absicherung, niedrigeren Rentenansprüchen und eingeschränkten Mitbestimmungsmöglichkeiten gedrängt.
Zwischen Forschung und Hofalltag
Unter den Referentinnen des Abends war auch Cecilia Mittelberger, Forscherin und Leiterin der Arbeitsgruppe MultiOmics Data Science am Versuchszentrum Laimburg sowie Bäuerin auf dem Ritten. Forschung und landwirtschaftliche Praxis verbinden sich in ihrem Alltag auf besondere Weise: Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit führt sie den Familienbetrieb, in dem sie neue Erkenntnisse und innovative Lösungen direkt in der Praxis anwendet. In ihrem Vortrag zeigte sie auf, wie sich die Pflanzenzüchtung von der gezielten Auswahl besonders geeigneter Kulturpflanzen über die klassische Kreuzungszüchtung bis hin zu modernen genomischen Verfahren entwickelt hat. Vor dem Hintergrund des Klimawandels, neuer Krankheiten und steigender Anforderungen an Nachhaltigkeit und Qualität gewinnen solche Ansätze zunehmend an Bedeutung. Mittelberger erläuterte dabei auch das Potenzial Neuer Genomischer Techniken für die Landwirtschaft der Zukunft und brachte die Perspektive einer Praktikerin ein, die die Herausforderungen des landwirtschaftlichen Alltags aus eigener Erfahrung kennt.
Die „Südtiroler Landwirtin“
Im Rahmen des Internationalen Jahres ist eine Sonderausgabe des „Südtiroler Landwirt“ mit dem Titel „Südtiroler Landwirtin“ erschienen. Wie die reguläre Ausgabe bietet auch sie Einblicke in aktuelle Themen der Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung in Südtirol. Die bewährten Rubriken bleiben dabei erhalten. Das Besondere an dieser Ausgabe: Sämtliche Beiträge stammen von Autorinnen. Damit wird die vielfältige fachliche Kompetenz von Frauen in den unterschiedlichsten Bereichen sichtbar gemacht. Der bewusst weiblich formulierte Titel setzt ein Zeichen für die Bedeutung von Sprache für die Inklusion. Inhaltlich spannt die Sonderausgabe einen breiten Bogen und behandelt Themen wie die Altersvorsorge von Bäuerinnen, spezielle Serviceangebote, porträtiert engagierte Frauen aus der Landwirtschaft und widmet sich ebenso produktionstechnischen Fragestellungen. Dadurch entsteht ein facettenreiches Bild der vielfältigen Rollen und Kompetenzen von Frauen im Agrarsektor.
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