Unsichtbare Zäune: im Forschungsprojekt „SAGE“ testet das Versuchszentrum Laimburg neue Wege für Südtirols Weiden

30.09.2026

Kühe ernähren sich auf Weideflächen umgeben von Zäunen, die nur auf dem Smartphone sichtbar sind: Was nach Zukunftsmusik klingt, wird in Südtirol nun erstmals wissenschaftlich getestet. Im europäischen Forschungsprojekt „SAGE“ untersucht das Versuchszentrum Laimburg gemeinsam mit zehn internationalen Partnern, wie digitale Weidetechnologien und Agri-Photovoltaik die Weidehaltung nachhaltiger und flexibler machen können. Das Versuchszentrum Laimburg beteiligt sich dabei an der Erforschung von Virtual Fencing, einer digitalen Technologie, die Weidetiere ohne physische Zäune lenkt.

Abb. 1: Kühe der Rasse Tiroler Grauvieh auf der Weide am Versuchsstandort Mair am Hof in Dietenheim (Bruneck)
© Laimburg Research Centre
Abb. 1: Kühe der Rasse Tiroler Grauvieh auf der Weide am Versuchsstandort Mair am Hof in Dietenheim (Bruneck) © Laimburg Research Centre

Wer heute durch Südtirol fährt, sieht eine Kulturlandschaft, die seit Jahrhunderten von Weiden und Nutztieren geprägt wird. Doch die Viehwirtschaft steht vor großen Herausforderungen: Klimawandel, steigender Arbeitsaufwand, Flächendruck und der Ausbau erneuerbarer Energien verlangen nach neuen Lösungen. Genau hier setzt das Forschungsprojekt „SAGE“ (Sustainable Agrivoltaic Grazing Ecosystem) an, welches 2026 gestartet ist. In den kommenden drei Jahren wird untersucht, wie sich digitale Weidetechnologien, Photovoltaik und Weidetierhaltung in einem gemeinsamen Nutzungssystem sinnvoll verbinden lassen.

Im Mittelpunkt der Südtiroler Versuche steht dabei das sogenannte Virtual Fencing. Dabei werden Weideflächen nicht mehr mit physischen Zäunen abgegrenzt, sondern digital umzäunt. Die Tiere tragen GPS-Halsbänder: Nähert sich ein Tier einer virtuellen Grenze, erhält es zunächst ein akustisches Signal. Nur wenn ein Tier den virtuellen Zaun überschreitet, folgt ein kurzer elektrischer Impuls, der niedriger ist als bei herkömmlichen Elektrozäunen. So lernen die Tiere, sich innerhalb der vorgesehenen Weidefläche zu bewegen.

Virtual Fencing: weniger Arbeitsaufwand und wertvolle Daten für die Forschung

Mithilfe von Virtual Fencing können Weideflächen flexibel angepasst werden, ohne Zäune auf- und abbauen zu müssen. Gleichzeitig liefern die GPS-Halsbänder wertvolle Informationen darüber, wo sich die Tiere aufhalten, wie sie sich bewegen und wie lange sie ruhen – Daten, die auch Rückschlüsse auf ihre Gesundheit ermöglichen.

„Unser Ziel ist es, mehr landwirtschaftlichen Betrieben zu erleichtern, ihre Tiere auf die Weide zu schicken. Dafür brauchen sie Technologien, die im Alltag wirklich helfen und gut zu den Bedingungen vor Ort passen. Mit Virtual Fencing testen wir, ob und wie diese Technik auf Südtirols Weiden funktionieren kann: Wie gut lassen sich die Kühe damit lenken? Wie reagieren sie auf den digitalen Zaun? Genau diese Fragen möchten wir im Projekt wissenschaftlich beantworten“, erklärt Giovanni Peratoner, Leiter des Fachbereichs Berglandwirtschaft am Versuchszentrum Laimburg.

Erste Versuche in Dietenheim und Deutschland

Besonders aussagekräftig ist der nun startende Versuch vonseiten des Versuchszentrums Laimburg am Versuchsbetrieb Mair am Hof in Dietenheim, welcher vom Agrarbetrieb der Agentur Landesdomäne betrieben wird: Der Versuch läuft über die gesamte Weideperiode und wird über mehrere Jahre hinweg fortgeführt. Damit können nicht nur erste Reaktionen der Tiere, sondern auch mögliche Langzeiteffekte erfasst werden. Getestet wird ein Virtual Fencing System an rund 15 Milchkühen der Rasse Tiroler Grauvieh. Durch die Sensoren an den Halsbändern haben die Forschenden dabei ein genaues Auge auf das Verhalten der Kühe. Zusätzlich untersuchen die Forschenden auch Batterieleistung, GPS-Genauigkeit und die praktische Umsetzbarkeit im landwirtschaftlichen Alltag.

Auch am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf bei Rostock im Nordosten Deutschlands, welches das Projekt koordiniert, soll Virtual Fencing erprobt werden. In den kommenden Jahren soll die Technologie dort auch an Schafen erprobt werden. Dabei kommen GPS-Halsbänder zum Einsatz, die derzeit noch als Prototypen entwickelt werden.

Strom, Schatten, Biodiversität - Weidehaltung trifft auf erneuerbare Energie

Virtual Fencing ist jedoch nur ein Teil des Projekts. „SAGE“ untersucht an anderen europäischen Standorten außerdem, wie sich Weidehaltung und die Erzeugung von erneuerbarer Energie verbinden lassen. Im Fokus stehen Agri-Photovoltaikanlagen – also Photovoltaikmodule auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Sie können nicht nur Strom produzieren, sondern auch das Mikroklima auf Weiden verändern und Weidetieren während Hitzeperioden Schutz bieten. Gerade in solchen Photovoltaik-Parks könnte auch Virtual Fencing künftig ein hilfreiches Management-Tool sein: Es ermöglicht etwa eine flexible Einteilung der Weide und kann dazu beitragen, sensible Bereiche wie geschützte Pflanzenbestände, Gebäude oder Baumgruppen gezielt von der Beweidung auszunehmen.

Versuche zu Agri-Photovoltaik wurden bereits in Norddeutschland gestartet: „Wir möchten verstehen, wie sich erneuerbare Energieerzeugung und Nutztierhaltung so kombinieren lassen, dass sowohl Umwelt als auch Landwirtschaft davon profitieren. Dafür betrachten wir das gesamte System, vom Tierwohl über die Biodiversität bis hin zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit“, erklärt Dr. Franziska Koch, Projektkoordinatorin am FBN.

Was bedeutet Agri-Photovoltaik für Weiden und Betriebe?

Die technischen und landwirtschaftlichen Untersuchungen zu Agri-Photovoltaik selbst finden nicht in Südtirol statt. Das Versuchszentrum Laimburg bringt jedoch seine Expertise in der Grünlandforschung ein, indem es Futterproben von Versuchsflächen aus mehreren europäischen Ländern analysiert. So können die Auswirkungen der Photovoltaikanlagen auf den Ertrag und die Futterqualität in den verschiedenen europäischen Weideflächen bewertet werden.

Darüber hinaus untersucht das Forschungsteam des Versuchszentrums die Einstellungen und Erwartungen verschiedener Interessensgruppen gegenüber solchen Systemen. Das Forschungsteam sammelt dafür zuerst zentrale Einschätzungen, Fragen und Bedenken aus der Praxis und vertieft diese anschließend durch eine strukturierte Umfrage. Auch diese Umfragen werden europaweit durchgeführt und schaffen eine fundierte Grundlage für künftige Diskussionen zu Wirtschaftlichkeit, Akzeptanz und die nötigen Voraussetzungen für die Umsetzung.

Das Forschungsprojekt „SAGE“ (Sustainable Agrivoltaic Grazing Ecosystem) wird im Rahmen der von der Europäischen Kommission kofinanzierten Partnerschaft AGROECOLOGY durchgeführt und durch die Autonome Provinz Bozen gefördert. Ziel ist es, die ökologischen, tiergesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Agri-Photovoltaiksystemen mit Weidetierhaltung zu untersuchen.

Bleiben Sie auf dem Laufenden

NEWS - ABO

Erhalten Sie die neuesten Nachrichten in Ihrem Posteingang

Abonnieren

Für die Presse